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Rockerkriminalität Die Macht wird neu verteilt

Um Rockerbanden ist es ruhig geworden – aber immer wieder entstehen neue Gruppen wie etwa der „Osmanen Germania Boxclub“. Die nordrhein-westfälische Polizei beobachtet sie mit Sorge.

 von Reiner BURGER, Düsseldorf, FAZ, 02.04.2016, 

© Helmut Fricke Der Gründung des „Osmanen Germania Boxclub“ soll ein Streit innerhalb der Hells Angels vorangegangen sein.

Die „Neuen“ wollten ihre Machtansprüche unmissverständlich demonstrieren. Rund 80 aus ganz Deutschland angereiste Mitglieder der laut Polizei „rockerähnlichen“ Gruppierung „Osmanen Germania Boxclub“ marschierten Ende Januar durch die Neusser Innenstadt. Die Osmanen entstanden erst vor einem Jahr in Frankfurt. Ihrer Gründung soll ein Streit innerhalb der Hells Angels vorangegangen sein. Wie andere „Outlaw Motorcycle Gangs“ (OMCGs) hatten die „Höllenengel“ im Zuge von Expansionsbestrebungen vor einiger Zeit beschlossen, auch junge Migranten als Mitglieder zuzulassen. Manche Altrocker sollen das mittlerweile als Fehlentscheidung werten.

Reiner Burger

Bei den Osmanen handelt es sich nun überwiegend um junge türkischstämmige Männer, hinzu kommen einige wenige Mitglieder mit russischen oder albanischen Wurzeln. Die Osmanen nennen sich nicht OMCG, sondern BC – was für „Boxclub“ steht. Aber nicht nur ihre Organisationsstruktur in lokalen Chaptern und auch ihre „Geschäftsfelder“ – Rauschgift, Waffen, Frauen, Schutzgelderpressung – erinnern an altbekannte Gruppen wie die Bandidos oder eben die Hells Angels. In Neuss, das bisher dem „Machtbereich“ der Hells Angels zugeordnet wurde, ließ sich gut beobachten, dass die Osmanen bis hin zu ihren mit einem Phantasie-Emblem versehenen Lederkutten auch auftreten wie Rocker. In Duisburg zeigte sich die neue Gruppierung kurz darauf ebenfalls. Dort hatten die Osmanen schon im Oktober 2015 ein Treffen abgehalten, das sie großspurig „World Meeting“ nannten.

Verschärfungen im Rockermilieu

Sowohl in Duisburg als auch in Neuss war die Polizei mit starken Kräften im Einsatz. Weil die Beamten bei diesen Gelegenheiten jeweils umfangreich Personalien aufnehmen konnten, hatte das Landeskriminalamt bald einen Überblick. Demnach haben die Osmanen mittlerweile acht nordrhein-westfälische Chapter mit insgesamt rund hundert Mitgliedern. Mehr als die Hälfte von ihnen sind schon straffällig geworden – überwiegend mit Gewalt- und Drogendelikten.


Aus einem internen Lagebericht geht hervor, dass das LKA neue schwere Auseinandersetzungen und Verschärfungen im nordrhein-westfälischen Rockermilieu befürchtet, in dem es neben rund 700 Bandidos, 400 Hells Angels noch mehrere hundert Mitglieder überwiegend kleinerer Clubs gibt. Anlass seien „Konfliktlagen um selbsterhobene Gebietsansprüche“. Die Szene sei geprägt von Expansionsbestrebungen. „Damit in Zusammenhang stehen Gefährdungslagen und Gewaltdelikte bis hin zu schweren Körperverletzungs- und versuchten Tötungsdelikten“. Die Situation könnte sich durch das Auftreten der „Osmanen Germania“ noch verschärfen.

Nach Angaben von Thomas Jungbluth, der als leitender Kriminaldirektor beim LKA für das Ressort organisierte Kriminalität zuständig ist, sind die Osmanen in Nordrhein-Westfalen zwar noch nicht durch Auseinandersetzungen mit anderen Gruppierungen aufgefallen. „Aber wir haben das sehr genau im Blick. Unsere Erfahrungen lehren uns: Überall da, wo neue Leute wie Rocker auftreten, entstehen Konflikte.“ Vordergründig sei die Lage derzeit relativ ruhig. „Die ganz großen szenetypischen Auseinandersetzungen, die ein starkes Indiz, ein Gradmesser für offene Streitigkeiten unter zwei verschiedenen OMCGs oder Clubs sind, beobachtet das LKA seit Herbst nicht mehr.“ Seit August 2015 musste die Polizei vor allem im Raum Aachen und im Raum Mönchengladbach mit starkem Aufgebot durchgreifen. Im Sommer drängten in die beiden Städte neue Chapter der Hells Angels. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit schon existierenden Clubs. „Das heißt aber nicht, dass es keine Auseinandersetzungen mehr im Rockermilieu gibt, im Gegenteil gibt es weiter Konflikte unter anderem um Gebietsansprüche“, sagt Kriminaldirektor Jungbluth.

Der Druck soll hoch gehalten werden

Deshalb versuchen die deutschen Sicherheitsbehörden, den Druck an möglichst vielen Stellen hoch zu halten. Mitte März gelang der Polizei in Köln ein schwerer Schlag gegen etablierte Rocker. Insgesamt 14 Wohnungen und Büros stürmten SEK-Kommandos; neun gesuchte Mitglieder der Hells Angels konnten festgenommen werden. Einer der Rocker soll im November einen Albaner erschossen haben. Ebenfalls im März verbot der rheinland-pfälzische Innenminister einen lokalen Hells-Angels-Verein.

Rockergruppe "Osmanen Germania" © dpa Vergrößern Januar: Die Polizei beobachtet einen Aufmarsch der „Osmanen Germania“ in der Neusser Innenstadt.

Im Kampf gegen Rockerkriminalität seien Vereinsverbote wichtig, sagt Jungbluth. Als durchschlagenden Erfolg wertet Jungbluth das Verbot des ursprünglich aus den Niederlanden stammenden Clubs Satudarah im Februar 2015. Das erste Satudarah-Chapter war 2012 in Duisburg gegründet worden. Satudarah-Präsident Yildiray K. – der sich „Ali Osman“ nannte – war der erste Rocker, der in aller Öffentlichkeit von einem Rockerkrieg sprach – in einem Interview mit einer Boulevardzeitung. Und tatsächlich gab es immer wieder blutige Konflikte zwischen Mitgliedern von Satudarah und Rockern der Hells Angels.

Das Ende von Satudarah war ein Einschnitt, denn erstmals wurde das Verbot einer Rockerbande bundesweit erlassen. Ebenso wichtig war freilich, dass es zwischenzeitlich spektakuläre Strafverfahren gegen ranghohe Satudarah-Rocker gab. „Ali Osman“ legte Anfang 2014 ein umfangreiches Geständnis ab, verriet Rauschgiftrouten und die Bezugsquellen von Waffen, mit denen er handelte.

Wiederkehrendes Dilemma

LKA-Mann Jungbluth glaubt nicht, dass es gelingen kann, Rockerkriminalität ausschließlich mit polizeilichen Maßnahmen auszutrocknen. „Es wird wohl immer eine gewisse Anzahl junger Männer geben, die sich als Verlierer fühlen, für die Körperlichkeit, Aggressivität, Gewalt wie bei Rockern oder auch bei Hooligans Ersatz für soziale Verankerung und Halt sind.“ Doch scheine sich die Strahlkraft der klassischen OMCG-Szene abzuschwächen. Die Loyalität, der Kadergehorsam, habe nachgelassen, sagt Jungbluth. Galt es früher noch als Verrat, von einem in den anderen Club zu wechseln, kommen Übertritte heute häufig vor. Immer wieder entstehen neue rockerähnliche Gruppierungen wie nun eben beispielsweise der „Osmanen Germania BC“. Die Szene fasere aus, verwässere, sagt Jungbluth.

Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit stehe die Polizei dabei aber immer wieder vor einem Dilemma. „Die OMCGs legen es gezielt auf Aufmerksamkeit an, um ihre Gefährlichkeit und ihre selbstdefinierten Ansprüche zu untermauern. Sobald die Polizei Maßnahmen ergreift und die Medien darüber berichten – was sehr, sehr wichtig ist –, leiten Rocker daraus erst recht ihre Wichtigkeit ab“, berichtet Jungbluth. „Es gibt ein Milieu von jungen Männern, das daraus den Schluss zieht, dass diese neue Gruppe aber wirklich starke Jungs sind, und dann erst recht mitmachen will.“ So komme es immer wieder dazu, dass Menschen das Gefühl bekämen, viel bedeutender zu sein, als sie im wirklichen Leben sonst sind. „Bei ,Ali Osman‘ konnte man das gut sehen: Der hatte noch nie in seinem Leben so viel Aufmerksamkeit bekommen wie seit der Gründung des Chapters von Satudarah in Duisburg.“

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