„Es geht um eine Kommunikation auf des Messers Schneide“: Wie Kommunikationsfähigkeit und Menschenverachtung zusammenhängen. Oder eben nicht.
Autor: Christian Geyer-Hindemith, Redakteur im Feuilleton, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Erschreckend unpolitisch, erschreckend kaffeesatzlesend ist das, was Medien- und Kommunikationswissenschaften zur Gereiztheit im öffentlichen Raum zu sagen haben.
Schon die Einbildung, das xenophobe Ressentiment, erst recht die enthemmte Gewalt gegen Ausländer unter die Kategorie „Verlust der Kommunikationsfähigkeit“ zu buchen ist das falsche Fach, bemäntelt unfreiwillig die Dinge, statt sie beim Namen zu nennen. Gefragt, was sich gegen die große Gereiztheit in Deutschland tun lasse, antwortet der Pate des Miteinanderredens, Friedemann Schulz von Thun: „Eine Gesprächs- und Kommunikationskultur, die unterschiedliche Wahrheiten würdigt und gelten lässt, wäre hilfreich. Es geht um eine Kommunikation auf des Messers Schneide.“
Migration als völkischer Austausch
Was er in der „Welt“ an Bedenkenswertem dazu ausführt, bleibt im Ganzen doch einem kommunikationspsychologischen Ansatz verhaftet, welcher das bürgerliche Ethos vom sprachlichen Ausdruck her begreift. Nun können Eloquenz und Dialogfähigkeit gewiss nicht schaden, wenn es darum geht, sich an die zivilisatorischen Minima zu halten. Reden ist besser als grölen, das ist wahr. Aber man sollte doch nicht dem Eindruck Vorschub leisten, als sei ein nach völkischen Gesichtspunkten strukturiertes Weltbild dadurch zu beheben, dass man narrative Vermögen schult.
Menschenverachtung entlang ethnischer Kriterien ist nicht das Privileg einer sprachlichen Minderbemitteltheit. Diese Menschenverachtung ist nicht auf den restricted code festgelegt, sondern kommt nicht minder in sprachlich elaborierter Form daher. Man muss sich nur die manipulativen Techniken anschauen, mit denen die ethnische Organisation der politischen Probleme in rechten Foren betrieben wird, wie etwa im um die Zeitschrift „Sezession“ gruppierten Milieu, wo die Migration als völkischer Austausch beschrieben wird und man reaktionäre Romanciers als politische Seher verehrt.
Ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst
Das alles schafft Akzeptanz für eine Feindbildpflege, die sich in übergriffigen, verwilderten Umgangsformen entlädt, dort aber mit geistesgeschichtlichen Girlanden dekoriert und im blasierten Seminarstil betrieben wird. Hier wird gleichsam mustergültig die von Schulz von Thun angemahnte „Kommunikation auf des Messers Schneide“ betrieben – nur mit gegenteiligem Effekt als dem angemahnten. Nein, es führt nicht weiter, die völkische Unvernunft als Sprachproblem angesichts „verstörender Gleichzeitigkeit“ (Schulz von Thun) der medial uns bedrängenden Probleme hinzustellen.
Ungleichzeitigkeiten sind das Salz in der Suppe jeder Biographie immer schon gewesen, sie machen, ob medial verstärkt oder nicht, das Leben aus und können mitnichten für den Dünkel der Abstammung herhalten. Der hat andere Gründe. Diese liegen – egal, wie man redet – im zutiefst gestörten Verhältnis zu sich selbst.
