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Türkei: Offenbar mehr als 60 Tote bei Putschversuch gegen Erdogan

In der Türkei tobt ein Machtkampf. Teile der Armee haben einen Putschversuch gegen Präsident Erdogan begonnen, stoßen aber auf heftigen Widerstand. In Istanbul und Ankara kommt es zu schweren Zusammenstößen. Erdogan macht die Gülen-Bewegung verantwortlich.

© AFP Soldaten am Taksim-Platz in Istanbul

Das ist passiert:

  • In der Türkei haben Teile des Militärs am späten Freitagabend einen Putschversuch gegen Staatspräsident Erdogan unternommen.
  • Zunächst hieß es, die Streitkräfte hätten die Macht in dem Land übernommen; die Putschisten verhängten das Kriegsrecht. Aus dem Präsidialamt wurde das bestritten: Erdogan sei nicht abgesetzt, hieß es.
  • In Ankara und Istanbul waren in der Nacht zahlreiche Explosionen und Schüsse zu hören. Mindestens 60 Menschen wurden bei dem Putschversuch nach Angaben aus Regierungskreisen getötet.
  • Präsident Erdogan kehrte am frühen Samstagmorgen nach Istanbul zurück. Er nennt den Putschversuch einen Akt von Landesverrat, für den sein Widersacher Gülen verantwortlich sei, und kündigt Vergeltung an.
  • Am frühen Samstagmorgen griffen Regierungstruppen Panzer der Putschisten an, die vor dem Präsidentenpalast in Ankara aufgefahren waren. 

Dutzende Putschisten haben sich offenbar ergeben. Präsident Erdogan sagte am Morgen, der Putsch sei vorbei, die Regierung habe das Land wieder weitgehend unter Kontrolle. Es ist derzeit aber noch immer unklar, wer in der Türkei die Macht hat.

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In der Türkei sind bei einem Putschversuch von Teilen des Militärs nach Behördenangaben mehr als 60 Menschen getötet worden. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan machte die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen für den versuchten Umsturz verantwortlich. Dieser sei „Verrat und eine Rebellion“, sagte Erdogan in der Nacht zu Samstag bei einem Fernsehauftritt im Istanbuler Atatürk-Flughafen. Dort war er kurz zuvor mit seinem Flugzeug gelandet und von einer jubelnden Menschenmenge empfangen worden.

Er werde die Türkei nicht den „Besetzern“ überlassen, versicherte Erdogan. „Sie werden einen hohen Preis für diesen Verrat zahlen.“ Erdogan sagte, er habe sich zuvor in einem Hotel in Marmaris an der türkischen Mittelmeer-Küste aufgehalten. Kurz nach seiner Abreise sei das Hotel bombardiert worden. Berichten mehrerer Medien zufolge war der Staatschef im Urlaub gewesen, als ein Teil der Armee am Freitagabend in der Hauptstadt Ankara die Übernahme der Macht im Land verkündete.

Soldaten, Panzer und Demonstranten in den Straßen

Ein Panzer rollt über ein Auto in Ankara. © AFP Bilderstrecke 

In den Metropolen Istanbul und Ankara kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Soldaten und Polizisten sowie zivilen Putschgegnern. Behördenvertreter sprachen von mindestens 42 Toten in Ankara, darunter seien viele Zivilisten. Zudem kam es zu mehreren Explosionen rund um das Parlament in Ankara. Zwölf Menschen seien dort verletzt worden. In Istanbul sollen sechs Zivilisten durch Schüsse getöteten worden sein. Dutzende Verletzte seien ins Krankenhaus gebracht worden. Noch in den Morgenstunden waren an mehreren Orten in der Türkei Schüsse zu hören.

Gülen-Bewegung weist Vorwürfe zurück

Die Gülen-Bewegung distanzierte sich von dem Putschversuch und erklärte, sie verurteile jede militärische Intervention in die Innenpolitik der Türkei“. Wie der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim mitteilte, gab es im Zusammenhang mit dem Putschversuch mehr als 120 Festnahmen. Medienberichten zufolge wurde der Generalstabschef Hulusi Akar von den Putschisten als Geisel genommen. Erdogan sagte, er wisse nicht, wo sich der Armeechef derzeit befinde.

Die Türkei ist Mitgliedsstaat des Verteidigungsbündnisses Nato. Staatspräsident Erdogan ist für Europa ein wichtiger, aber umstrittener Partner in der Flüchtlingskrise. Die Lage in dem Land war noch am Morgen unübersichtlich. Regierungschef Yildirim beschrieb den Putschversuch als gescheitert: „Die Situation ist weitgehend unter Kontrolle.“ Aufständische Soldaten feuerten laut Yildirim in Istanbul und Ankara jedoch weiter aus der Luft. Er habe Kampfjets beauftragt, Flugzeuge der Putschisten abzuschießen. „Die Demokratie wird gewinnen“, sagte Yildirim nach Angaben aus dem Präsidentenpalast.

Die türkische Armee sieht sich als Wächterin der weltlichen Verfassung des Landes und hatte in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt gegen die Zivilregierung geputscht. Mit dem Putsch sollten unter anderem die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden, teilten an dem Umsturz beteiligte Soldaten nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit.

Präsident Erdogan hatte seine Anhänger kurz nach dem Beginn der versuchten Machtübernahme zum Protest aufgefordert: „Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln. Sollen sie (die Putschisten) mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen.“ Im Istanbuler Stadtteil Tophane zogen Dutzende Gegner des Putsches auf die Straße.

Flughafen von Istanbul zeitweise besetzt

Die Menge rief unter anderem „Gott ist groß“ und „Nein zum Putsch“. Der amerikanische Fernsehsender CNN International und die britische BBC zeigten Live-Bilder aus der Stadt: Menschen strömten in Massen auf die Straße und schwenken türkische Fahnen. Nach Angaben des Senders CNN Türk kam es in der türkischen Hauptstadt Ankara zu Gefechten zwischen Polizei und Militär. Die Armee habe die Polizeidirektion beschossen, hieß es. Augenzeugen berichteten von Panzern in den Straßen der Hauptstadt. Zeitweise besetzten Soldaten die Fernsehsender TRT und CNN Türk und den Flughafen in Istanbul.

Der amerikanische Präsident Barack Obama rief dazu auf, die demokratisch gewählte Regierung des Landes zu unterstützen. Gewalt und Blutvergießen müssten vermieden werden, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses. Obama hatte zuvor mit seinem Außenminister John Kerry telefoniert, der sich derzeit in Moskau aufhält. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg rief zu Zurückhaltung und Respekt vor den demokratischen Institutionen und der türkischen Verfassung auf. Die Türkei sei ein geschätzter Nato-Verbündeter, sagte Stoltenberg nach einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu am frühen Samstagmorgen.

Die Bundesregierung verlangte die Respektierung der demokratischen Institutionen in der Türkei. „Die demokratische Ordnung in der Türkei muss respektiert werden“, hieß es in einer Erklärung von Regierungssprecher Steffen Seibert, die in der Nacht zum Samstag über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet wurde. „Alles muss getan werden, um Menschenleben zu schützen.“


Quelle: oge./peer./dpa/AFP/Reuters

Machtkampf in der Türkei: Premier Davutoglu kündigt Rückzug an

Noch-Premier Davutoglu Zur Großansicht

AP Noch-Premier Davutoglu

Der Machtkampf in der Türkei zwischen Präsident Erdogan und seinem Premier ist entschieden: Ahmet Davutoglu will sein Amt als Parteivorsitzender abgeben – und sich von der Regierungsspitze zurückziehen.

 Dieser Text wird laufend aktualisiert.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu wird aller Voraussicht nach in wenigen Tagen sein Amt als Vorsitzender der regierenden AKP verlieren. Am 22. Mai soll ein außerordentlicher Parteitag stattfinden. Dort werde er nicht wieder antreten, sollte sich die AKP nicht vorab auf ihn als Vorsitzenden verständigen können, sagte Davutoglu.

Die Entscheidung zur Abhaltung des Parteitags fiel bei einer Sondersitzung der AKP-Führung. Laut den Partei-Statuten müsste Davutoglu dann auch sein Amt als Regierungschef räumen.Zuvor hatten die türkischen Medien über einen Machtkampf zwischen Davutoglu und Präsident Recep Tayyip Erdogan berichtet.

Davutoglu hatte das Amt des Ministerpräsidenten und den Vorsitz der islamisch-konservativen AKP von Erdogan übernommen, nachdem dieser im Sommer 2014 vom Volk zum Staatspräsidenten gewählt worden war.

Die beiden Spitzenpolitiker hatten sich zunehmend entfremdet, unter anderem wegen einer von Erdogan angestrebten Verfassungsänderung, die dem Staatsoberhaupt mehr Macht verleihen würde. Um ein Referendum über das angestrebte Präsidialsystem abzuhalten, fehlen der AKP derzeit jedoch 13 Stimmen zur nötigen 60-Prozent-Mehrheit im Parlament.

Davutoglu sagte, er werde nie ein schlechtes Wort über Erdogan verlieren, dessen Freundschaft ihm immer das Wichtigste gewesen sei. Er appellierte an die AKP, geschlossen zu bleiben.

hut/otr/dpa/Reuters