Die Schockwellen aus Europa reichen bis ins Reich der Mitte. Auf dem chinesischen Ableger des Weltwirtschaftsforums dreht sich alles um ein einziges Thema: Stürzen am Montag die Kurse ab?
von Hendrik ANKENBRAND, Tianjin, FAZ, 26.06.2016,
Im Winter gibt es das Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos, das jeder kennt. Der asiatische Ableger der Veranstaltung findet im heißen Sommer statt. „Treffen der neuen Champions“ steht über der Kongresshalle in der viertgrößten chinesischen Stadt Tianjin, zwei Zugstunden von Peking entfernt.
Die Rednerliste des asiatischen Weltwirtschaftsforums ist weniger prominent als beim europäischen Vorbild, aber auch nach China kommen viele Manager, Politiker und Wissenschaftler aus der ganzen Welt, um darüber zu reden, wie sich Asien, die dynamischste Wirtschaftsregion der Erde, künftig entwickeln wird. Doch dann dauert es an diesem Sonntagmorgen keine Minute, da reden alle nur noch über den alten Kontinent Europa: In Asien geht die Brexit-Angst um.
Autor: Hendrik Ankenbrand, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
Die Entscheidung der Briten, aus der Europäischen Union auszusteigen, berge das „Risiko des Beginns der Desintegration von EU und Eurosystem“, warnt der amerikanische Ökonom Nouriel Roubini in Tianjin. Er verweist auf Schottland, das ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit von Großbritannien abhalten will. Dann könnten die skandinavischen Nordländer rauswollen aus der europäischen Staatenfamilie.
Am Freitag war die Reaktion noch verhalten
Das ist die entscheidende Frage in China: Wie werden die Märkte am Montag reagieren, nachdem nun auch dem letzten Anleger klar geworden ist, dass die Brexit-Nachricht vom Freitag tatsächlich real war und kein böser Traum? Der Aktienindex der Schanghaier Börse war an diesem Tag nur um ein gutes Prozent zurückgegangen. Schließlich öffnen die Märkte in Asien durch die Zeitverschiebung viel früher als in Europa. Außerdem hatten viele Händler im Reich der Mitte schlicht keine Ahnung, was bei den Briten vor sich ging, weil die chinesischen Staatszeitungen kaum über den Brexit berichtet haben und der Nachrichtenfluss aus der westlichen Welt durch Chinas Internetsperren deutlich eingeschränkt ist.
Doch bereits am Samstag bei der Eröffnung der neuen asiatischen Entwicklungsbank AIIB in Peking ging es in Wahrheit nicht um Fördergelder für Brunnen oder Staudämme in Pakistan, sondern allein um Europa. Südkoreas Finanzminister Yo Il-Ho wetterte, die Brexit-Entscheidung sei ein „Schlag ins Gesicht all derjenigen, die an globale Integration“ geglaubt hätten. Die weltweiten Finanzmärkte sähen Zeiten „größerer Unsicherheit und Volatilität“ entgegen.